deen
© Eva Radünzel

Amal – Interview mit Choreograph Medhat Aldaabal

25. Juni 2018 – radialsystem

Im Rahmen der Plattform „ZUHÖREN – Dritter Raum für Kunst und Politik“ von Sasha Waltz & Guests startete im Februar 2016 ein wöchentlicher Tanzworkshop mit unbegleiteten syrischen Minderjährigen, syrischen Tänzern und Tänzern der Compagnie im Radialsystem. Basierend auf der Idee und Initiative von Medhat Aldaabal entwickelten fünf Tänzer dieser Gruppe zusammen mit Davide Camplani das Stück mit dem Titel Amal. Die Choreographie der Tänzer beschreibt mit den Mitteln des Zeitgenössischen Tanzes den aufreibenden Zustand im „Zwischen“, der den Prozess des Ankommens von Menschen in einer neuen Gesellschaft charakterisiert.

Ihr sagt, “Amal” handele von dem Dazwischensein, das Neuankommende in einer Gesellschaft oft erleben. Wie werdet ihr dieses Gefühl für das Publikum darstellen?
Der Moment, in dem wir ankamen, hat unsere Persönlichkeit verändert und wir haben versucht, diese Veränderung zu verstehen. Wir sind an dem Punkt angekommen, wo wir sagen können, dass die Reise hierher nicht einfach und das Einzige, was uns wirklich ankommen ließ, die Hoffnung war. Wir hatten die Hoffnung, in einer sicheren Stadt anzukommen und unseren Traum, unseren Tanz, unsere Arbeit weiter zu verwirklichen. Das ist, was in Berlin passiert ist. Wir möchten den Menschen zeigen, dass man seine Träume, seine Hoffnung nicht aufgeben sollte. Denn solange man träumt und hofft, dass etwas Gutes passieren wird und man dafür arbeitet, wird es passieren. Also versuchen wir, das durch unsere Bewegungen und unsere persönlichen Geschichten zu vermitteln. Jeder von uns: Moufak, Firas, Fadi, Nima und ich. Wir bringen unsere Kultur mit uns und vermischen sie mit den neuen Dingen, die wir hier gelernt haben.

Du sprichst über die Hoffnung, wenn man ankommt, jedoch ist der Ankündigungstext negativer konnotiert: Hier sprecht ihr über Ängste und innere Konflikte. Aber “Amal” oder die Übersetzung “Hoffnung” scheint viel positiver. Werden wir also ein positives Ende und eine positive Stimmung im Stück sehen?
Ich kann verstehen, dass im Text einige ungemütliche Dinge oder Dinge, die einen traurig machen, genannt werden. Aber der Punkt ist, zu zeigen, dass es unabhängig von dem, was dir passiert, Hoffnung für einen Neuanfang gibt und man es wirklich schaffen kann. Man kann die Straßen entlang gehen und ankommen und sich sicher fühlen. Aber natürlich soll das Stück nicht nur vermitteln, was wir früher hatten, sondern auch zeigen, was uns in Zukunft erwartet und was wir jetzt sind. Wir versuchen, die Nachricht zu vermitteln, dass Hoffnung wirklich etwas Positives ist.
Das Thema ist sehr schwer und wir konnten nicht wirklich vom Jetzt in die Zukunft gehen. Wir wurden gezwungen, von der Vergangenheit auszugehen, um die Geschichte realistisch zu machen. Du beginnst irgendwo und kommst kontinuierlich an, das ist die realistische Abfolge. Aber sie zeigt, dass was auch immer passiert, solange ihr zusammen haltet, einander unterstützt und motiviert und solange du diese Hoffnung in dir hast, diese magische Kraft, wirst du dein Ziel erreichen egal welches oder wo.

Photo: Eva Radünzel

In “Amal” wird die Hoffnung durch den Jungen Nima dargestellt. Ist er auch der Fokus des Stückes?
Nicht wirklich, da wir auf jeden von uns fokussieren. Der Junge, Nima, hat so eine tolle Energie und so eine schöne Geschichte. Seine Mutter ist aus dem Iran, sein Vater aus Frankreich, er ist aufgewachsen in Deutschland und spricht diese drei Sprachen und kennt diese Kulturen. Wenn wir ihn sehen, müssen wir lächeln. Etwas Fokus auf Nima als unsere Hoffnung zu setzen, war eine tolle Idee von Davide. Also ja, Nima hat etwas Fokus auf sich, aber jeder von uns hat gleichzeitig auch etwas Fokus auf sich. Sagen wir er ist die Verbindung, die uns von Teil zu Teil bringt.

Als ihr die Informationen zu “Amal” bereitgestellt habt, hast du einen kurzen lyrischen Text mitgeschickt, der dem Publikum vorgelegt wird. Wie wichtig ist Text, wenn wir über ein Stück reden, das sich um Bewegung und Musik dreht?
Als ich den Text schrieb, dachte ich viel über Syrien nach. Ich denke, meine Gefühle haben sich jetzt geändert, aber wenn du den Text liest und das Stück siehst, wirst du es direkt mit einer eigenen Geschichte verbinden. Jeder hat eine persönliche Geschichte, jedem passiert etwas in seinem oder ihrem Leben.  Vielleicht bist du geflohen, aber das ist nicht wichtig, denn du bist jetzt diese eine Person auf der Straße. Jeder kann an seine oder ihre Geschichte denken, kann seine oder ihre Interpretation finden und diese anpassen.
Man kann sehen, dass einer dieser Tänzer seinen besten Freund verloren hat, weil er vor seinen Augen getötet wurde und so kam er nach Berlin und ist jetzt hier seit einem Jahr oder drei Monaten oder welchem Zeitraum auch immer. Jetzt hat er ein neues Leben begonnen und hat eine Wohnung gefunden und Freunde und er lernt die Sprache und beginnt, sich zu integrieren und auf der Bühne zu tanzen. Diese Energie hilft uns sehr. Vielleicht dauert es ein oder zwei Jahre, denn es kann einige Zeit dauern, aber mit dieser Energie kann man diese Zeit verkürzen.

Photo: Eva Radünzel

Du arbeitest sehr eng mit Sasha Waltz & Guests zusammen und “Amal” entstand im Rahmen der “Zuhören”-Reihe. Auch gibst du Kinder- und Dabke-Workshops. Was ist das Besondere an der Arbeit mit  Sasha Waltz & Guests und Davide im Speziellen?
Für uns ist es eine Ehre mit Sasha Waltz zu arbeiten, denn wir lernen aus 25 Jahren Erfahrung und wir nehmen sehr viel mit von dieser gesamten Erfahrung, die uns begegnet. Manchmal ist es fast zu viel und du kannst kaum damit umgehen und es braucht seine Zeit, um es zu begreifen.
Wir lernten, dass du mit einem Choreographen selbst mit 100 Tänzern arbeiten und noch tief gehen kannst. Du kannst dir deinen Platz nehmen und deine Ideen und deinen magischen Touch in das Stück einbringen. Das haben wir in Syrien vorher vermisst. Wir haben in einer Art und Weise gearbeitet, bei der man kommt, die Bewegung wiederholt und dann geht. Das war‘s. Aber hier habe ich gesehen, dass die Tänzer so viel Raum haben. Man hat wirklich Zeit, etwas zu erschaffen und muss kreativ sein. Mit solchen fantastischen Menschen, Tänzern, hat man einfach eine andere Energie.
Wir haben ein Sprichwort im Arabischen: Wenn du 40 Tage mit Menschen verbringst, wirst du wie sie. Im Sinne, dass du einer von Ihnen wirst und auf demselben Level bist. Wir sind hier geblieben und haben über drei Jahre mit diesen Menschen verbracht. Deshalb fühlen wir uns, als “Amal”-Tänzer, irgendwie auf einem Level. Selbst mit der Art, wie wir denken, mit der Öffnung unseres Geistes, der Form unserer Bewegung. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis wir noch mehr gelernt haben und unsere Muskeln sich an die Abfolgen erinnern.
Davide war dabei eine große Hilfe für uns. Er war nicht nur derjenige mit dem Blick von außen, der Co-Direktor, er war auch unser Lehrer. Wir haben sehr viel gelernt und wir sind glücklich diese Menschen an unsere Seite zu haben.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?
“Amal” vermischt die orientalische und die westliche Kultur, beziehungsweise versuchen wir dies zu tun und sie mehr und mehr anzupassen. Ich denke, das Stück ist gut für Menschen, die die Idee haben, dass Neuankommende oder auch Menschen oder Künstler oder Doktoren oder Ingenieure sind. Wir sind nicht nur arme Menschen, die ihr Land verlassen.
Sie haben sich schon geöffnet für uns. Nicht für uns als Tänzer, sondern als Neuankommende und sie sehen uns in einer anderen Weise und fragen andere Fragen. Nicht wie wir hierhergekommen sind oder wo meine Familie ist, wo ich lebe oder wo ich meine Klamotten her habe oder ähnliche Fragen. Sie fragen mehr nach unserer Persönlichkeit und das ist was wir brauchen. Was wir wirklich wollen ist, dass die Menschen uns als Menschen wahrnehmen und kein Problem mit uns haben, weil wir dunkle Haare haben. Denn dem begegnen wir sehr oft. Aber durch die Kunst, durch Dabke, durch Tanz brechen wir die Grenzen zwischen uns auf und das ist, was wir erreicht haben.

 

Mehr Informationen:

Amal – 01. Juli 2018, 20 Uhr

Dabke Community Dance – 19. August 2018, 16 Uhr

Sasha Waltz & Guests