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Interview mit Yasmine Merei – Initiatorin „Women for Common Spaces“

27. Juni 2018 – radialsystem

Am 1. Juli 2018 lädt das Berliner Projekt „Women for Common Spaces“ erstmals zu einer „Community“- Veranstaltung im Radialsystem ein. Gemeinsam mit Künstlern, teilnehmenden Frauen und Partnern stellt die Gründerin Yasmine Merei die Arbeit der Initiative vor und verwandelt das Studio von Sasha Waltz & Guests in einen „common space“ des Zuhörens. Neu-Berlinerinnen lesen ausgewählte, eigene Texte auf Deutsch und Arabisch, und das Konzert mit Shadia Abu Hamdan (Gesang) und Nabil Arbaain (Oud) schafft Raum für Gespräche und Austausch in entspannter Atmosphäre. Wir sprachen mit der Initiatorin über die Hintergründe des Projekts. 

Photo:  Firas Al Masri

Die von dir gegründete Non-Profit-Initiative „Women for Common Spaces“ hat sich zum Ziel gesetzt, ein Netzwerk selbstbewusster und informierter arabischsprachiger Frauen im Exil aufzubauen. Was brauchen die betroffenen Frauen, um dieses Ziel zu erreichen, und wie unterstützt ihr sie dabei?
Vor allem sollten Frauen im Exil in ihrem täglichen Leben nicht mehr allein sein. Oft leben sie in Gruppenunterkünften oder isoliert in Nachbarschaften, in denen sie keine anderen arabisch-sprechenden Frauen kennen. Syrische Frauen sind es gewohnt, täglich miteinander zu reden und sich zu treffen, deshalb versuchen wir diesen Kontakt wieder aufzubauen und ermutigen sie, über ihre Geschichten zu reden. Früher in Syrien haben wir nicht über unsere Probleme gesprochen, dort war es nicht üblich, Persönliches zu teilen. Es gehört sich nicht anderen zu sagen, dass man dieses oder jenes Problem hat. Aber was in Syrien passiert ist, hat nichts mehr mit einem normalen Leben zu tun. Also haben wir begonnen, Geschichten zu teilen und uns mit Frauen zu treffen, die sich in ihrem Heimatland nie kennengelernt hätten. Manchmal entwickeln sich daraus auch Freundschaften und dann treffen sie sich auch außerhalb der Workshops. Dies ist der Anfang unserer Arbeit. Wir zeigen den Frauen auch Geschichten aus anderen Ländern. Das hilft vielleicht nicht, ihre Probleme zu lösen, aber sie aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und dadurch ihre Traurigkeit hinter sich zu lassen.

Was wird das Publikum vorfinden, wenn es den “common space” betritt, den ihr im Studio von Sasha Waltz & Guests entstehen lassen wollt? Wie kann es sich beteiligen?
Die Veranstaltung ist ein informelles Treffen und ein Schritt auf dem Weg zum eigentlichen “common space”. Wir bauen einen “common space” auf verschiedenen Ebenen: Zunächst zwischen den geflüchteten Frauen selbst, dann zwischen ihnen und ihren Familien und dann zwischen den Frauen und den Einwohnern von Berlin.
Am 01. Juli werden hoffentlich viele der Frauen, mit denen wir in den letzten eineinhalb Jahren in diversen Workshops gearbeitet haben, zusammenkommen, und sich gegenseitig kennenlernen. Sie alle haben bereits die Texte der anderen gelesen, aber nicht alle kennen sich persönlich, da sie in verschiedenen Workshopgruppen sind. Natürlich ist es auch ein gemeinsamer Ort für sie und ihre Familien, wenn die Familien kommen um ihrer Ehefrau oder Mutter zuzuhören.  Viele Frauen begreifen ihre Texte als Botschaft an die lokale Community. Wir hoffen, dass viele Menschen diesen Frauen, ihren Gedanken und Texten zuhören können.
Es wird auch eine Präsentation über die Initiative geben: darüber, was bereits in den letzten Jahren geschah und was wir in diesem und nächsten Jahr planen. Eine traditionelle syrische Musikgruppe um die langjährig in Berlin lebende Shadia Abu Hamdan wird spielen.

Wird das deutschsprachige Publikum die Möglichkeit haben, die Texte zu verstehen?
Wir verteilen gebundene Broschüren mit den Übersetzungen ins Deutsche und projizieren diese auch vor Ort. Neben den arabischen Texten, die von den Frauen gelesen werden, wird es auch deutsche geben.

„Women for Common Spaces“ entstand in enger Zusammenarbeit mit der Compagnie Sasha Waltz & Guests. Wie seid ihr aufeinander aufmerksam geworden? Welche weiteren Projekte habt ihr bereits zusammen realisiert?
Wir haben uns 2015 gefunden. Sasha und ich waren in der Villa Aurora, das frühere Haus der deutschen Schriftsteller Lion Feuchtwanger und Thomas Mann in Los Angeles, USA. Das Haus ist ein Ort, an dem man Geschichte fühlen kann. Hier kann man auf persönlicher Ebene erleben, was es bedeutet, vertrieben worden zu sein und neu anzufangen. Nicht unbedingt im Sinne eines Abenteuers, aber im Sinne eines Lebens und Wirkens, das viele Menschen positiv beeinflusst, selbst Jahre nach dem Tod. Lion Feuchtwanger ist schon vor langer Zeit gestorben und jetzt sieht man Künstler, deutsche Schriftsteller, aber auch internationale Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, die für sechs oder neun Monate in seinem Haus leben. 2015 war ich eine von ihnen und so habe ich Sasha Waltz kennengelernt, die eine “honorary” Fellow dort war.
Wenn ich an die Arbeit mit Sasha Waltz & Guests denke, sind sie für mich mehr als eine Tanzcompagnie. Natürlich respektiere ich die großartige Kunst, die sie machen, aber für mich als Journalistin, als Autorin, war der erste “common space” der entstanden ist, der zwischen mir und Sasha. Er entstand durch unsere Diskussionen und Gespräche. Wir haben uns durch diesen Austausch gefunden und dieser Austausch wurde von Sasha initiiert. Sie interessierte sich und stellte Fragen. Das inspirierte mich, als ich 2015 von Sasha Waltz & Guests eingeladen wurde und für fünf Monate im Haus der Compagnie lebte.
2016 haben wir “ZUHÖREN” zusammen umgesetzt und der Gedanke des Austauschs wuchs in mir und spornte mich an. Ich habe das Gefühl, dass man nicht verlangen kann, dass Deutsche Syrien oder die Menschen aus diesem Land kennen, aber wir können ihnen von uns erzählen und dann können sie entscheiden, ob sie zuhören möchten oder nicht. Es ist unsere Aufgabe, ihnen von uns zu erzählen. Es ist klar, dass wir verschiedene Kulturen haben, aber auf einem menschlichen Level sind wir uns ähnlich. Sasha Waltz & Guests haben mich darin bestärkt, indem sie mir sehr viel Liebe und Unterstützung geben. Sasha Waltz als Person hat eine sehr gute Art: Sie hilft den Menschen, indem sie einem vermittelt, dass man auf seinen eigenen Beinen stehen muss. Das ist toll, denn manchmal hat man Menschen, die einem helfen und dann weiter anleiten wollen. Sasha macht das nicht. Deshalb respektiere ich sie und bin ihr und der Compagnie dankbar.

Ihr seid im Moment in der Gründungsphase der Initiative. Was sind eure weiteren Pläne?
Unsere nächsten Schritte bauen auf dem auf, was wir bereits tun. Natürlich machen wir die Workshops weiter, und die offizielle Registrierung des e.V.s ist in der finalen Phase. Vor ein paar Tagen war ich in Athen, denn wir möchten die Arbeit auf die Mittelmeerregion ausweiten, auf die Familien der in Berlin lebenden Frauen. Damit meine ich Schwestern, Nachbarinnen, die in Syrien zusammen gelebt haben und sich nah standen und die jetzt getrennt leben in Syrien, Libanon, der Türkei, Griechenland oder Europa. Also versuche ich die gleiche Arbeit, die ich hier mache, dort vor Ort oder via Skype umzusetzen. Hoffentlich funktioniert es und wir kreieren eine Stimmung, in der Frauen sich durch Texte verbinden. Die kommenden Jahre hängen davon ab, wie das Team wächst und wie viel Vertrauen und darauf aufbauend Spendengelder wir erhalten, um unsere Arbeit weiterzuentwickeln.

Wie können sich Interessierte über eure Angebote  informieren?
Zunächst haben wir eine WhatsApp-Gruppe, in die wir alle Frauen aus den Workshops aufnehmen. Dann gibt es eine Facebook-Page “Women for Common Spaces”. Für die Website, die auch ein Journal mit den Texten aus “Female voices in exile” enthalten wird, suchen wir noch nach Förderung. Aber jeder, der unsere Arbeit unterstützen möchte, kann an Sasha Waltz & Guests mit einem Verweis auf uns spenden. Bald wird dann auch der e.V. seine Arbeit aufnehmen. Bis Ende 2018 finden öffentliche Veranstaltungen im Radialsystem mit engem Verbund zu Sasha Waltz & Guests statt. Da die Deutschkenntnisse der Teilnehmerinnen immer besser werden, möchten wir in Zukunft zunehmend lokale Frauen einbinden.
Alle Texte aus “Female voices in exile” wurden online in Arabisch und Deutsch veröffentlicht und wir freuen uns, wenn so viele Menschen wie möglich sie lesen.

Möchtest du noch etwas hinzufügen?
Ich hoffe, dass der 01. Juli ein Erfolg wird und wir ab nächstem Jahr auch lokale Frauen in das Programm aufnehmen und mit den Frauen mit Fluchterfahrung weiterarbeiten können.
Ich möchte mich auch bei den Partnern Berlin Mondiale bedanken, die uns eine große Unterstützung sind, bei dem Radialsystem, das uns seit 2017 seine Räume zur Verfügung stellen. Wir konnten hier tolle Workshops umsetzen und die teilnehmenden Frauen waren begeistert von dem Ort. Seit April 2016 unterstützt mich die Allianz Kulturstiftung. Natürlich gilt unser Dank auch allen Sozialarbeitern in den Aufnahmezentren, ohne sie könnten wir nichts umsetzen und Sasha Waltz & Guests als unserer Basis.

Women for Common Spaces – 1. Juli 2018, 16 Uhr